Wie kommunizieren wir
in Zukunft?

Die T-Gallery in der Konzernzentrale der Deutschen Telekom ist das Zukunftsforum des Konzerns. Dort testet Produkt-Chef-Designerin Caroline Seifert wie wir leben werden.

Von Dagmar Haas-Pilwat

Die Mutter schickt der entfernt lebenden Tochter das Rezept für die leckeren Weihnachtsplätzchen direkt auf die Monitor-Pinnwand des modernen Kühlschranks. Fernsehen funktioniert ohne Fernbedienung. Das Licht schaltet sich auf Zuruf ein. Die Armlehne der Couch wird zum berührungsempfindlichen Display. Von solchen technischen Spielereien träumt Caroline Seifert nicht nur, sie macht sie möglich. Als Leiterin des Produkt Design Center der Deutschen Telekom erfindet sie die Zukunft und testet, wie wir leben werden.

Der Weg zu Caroline Seifert und ihrem Team von jungen Kreativen aus aller Herren Länder führt durch die T-Gallery in der Bonner Firmenzentrale. „Das ist unser Versuchslabor“, erklärt die Chefin. Vor mehr 25 Jahren hat sie in der Telekommunikation angefangen, kam dann zur Produktentwicklung und ist inzwischen die wohl einzige Design-Beamtin in einem Dax-Konzern.

In ihren Anfängen bei der Post wurden Briefe geschrieben und noch mit dem Hörer in der Hand telefoniert. Heute fühlt man sich in dem kreisrunden 1600 Quadratmeter großen multimedialen Zukunftsforum wie in der Kommandozentrale des Raumschiffes „Enterprise“. Seiferts Welt ist Hightech pur. Sprachbefehle und vor allem funktionierende Spracherkennung und Gestensteuerung lenken die Kommunikation. Hier wird gezeigt, was die Telekom mehr als  150Jahre nach der Erfindung des Telefons an neuen Ideen umsetzt. Man kann das erleben, was morgen, in zwei Jahren oder noch später auf den Markt kommt.

Zu sehen ist, wie sich der urbane Alltag durch elektronische Helfer und Netzwerke verändern könnte. Schaltet der Stromzähler beispielsweise die Waschmaschine ein, wenn es am günstigsten ist? Können Senioren länger selbständig zu Hause leben, weil der Kühlschrank für sie einkauft und der Hausarzt in Echtzeit den Blutzuckerwert überwacht?
Caroline Seiferts Hauptaugenmerk gilt der Benutzerführung und der Vereinfachung alltäglicher Abläufe – zuhause, unterwegs und während der Arbeit. In Deutschland gehört die 46-Jährige, die Wirtschaft und Werbepsychologie studiert hat, zu den Pionieren der mobilen Kommunikation. So entwickelte sie u.a. einen der ersten ortsbezogenen Mobildienste sowie die ersten Navigationsgeräte. Als Leiterin der T-Gallery, dem Zukunftsforum der Deutschen Telekom, erforscht sie mit ihrem Team kontinuierlich Trends und untersucht, wie die digitale Technik die immer komplexer werdenden globalen Anforderungen positiv beeinflussen kann. Per Code oder Knopfdruck, Stimme oder Fingerabdruck - ganz egal, alles wird verschmelzen, alles sich fortwährend verändern. Frau Seiferts wichtigste Prämisse ist, dass „Lieschen Müller“ etwas will und es versteht.

„In der T-Gallery haben wir den Tag eines Menschen aufgebaut -  zu Hause, unterwegs, bei der Arbeit – weil wir wissen wollen, was er braucht“, erklärt Seifert. In der T-Gallery wird der Tagesablauf in all seinen Facetten durchgespielt, um zu erfahren: „Wo kann das Design des Produkts dabei helfen, den Tag einfacher zu machen?“ Der Nutzen sei entscheidend. „Niemand differenziert zwischen Technik, Produkt, Design oder Preis“, sagt die Designchefin.
In der Bonner Zentrale, in der viele junge Wilde neue Design-Leitlinien entwerfen, gilt die Regel: Das Design folgt der Funktion und Einfachheit ist der Kerntreiber. Was zählt ist die intuitive Bedienung – ob beim  Smartphone oder den Boxen für den heimischen Internetzugang. „Ein Produkt ist nur dann gut, wenn es mir hilft, es leicht zu bedienen ist, und ich Freude daran habe. „So muss es sein.“

Die Managerin und ihre Kreativen stellen sich bei ihren Projekten vor allem die Frage: Was kann man weglassen, um aus der Technik- und Informationsflut Qualität über das Design zurück zu holen? Die Einfachheit managen und Technik dadurch massentauglich machen. „Wir nutzen Technologie aus Kundenperspektive. Man muss die Geräte bedienen können, ohne Ahnung von Technik zu haben“, erklärt sie.

Wenn’s darauf ankommt vertritt sie, die selbst auch mehr an Kommunikation als an technischen Finessen interessiert ist, vehement die Position der Kunden. Viele Nutzer wollten nichts über Technik wissen, sondern wie sie ein Problem lösen. Gutes Design heißt deshalb Funktionalität und gute Vernetzung.

Probiert sie alle Erfindungen selbst aus? „Klar, fummeln gehört dazu.“ Das gilt für Smartphones, aber auch für den Entertain Programm Manager, mit dem sich von unterwegs übers Handy Aufnahmen von TV-Sendungen programmieren lassen. Es werden Ideen ausgebrütet, wie man Musik von Raum zu Raum mitnehmen kann oder mit einer Frage aus tausend Filmen den richtigen findet. Komplett vernetzt sollen Menschen künftig von jedem Raum, von jedem Ort aus Zugriff auf Inhalte an anderen Orten haben - mit einfachsten Mitteln, etwa dem eigenen Handy und „intelligenten“ Möbeln, die Sprache und Gesten verstehen.

Für Caroline Seifert ist es keine Zukunftsmusik mehr, ein Urlaubsbild auf den Fernseher ihrer Mutter zu senden, das dieser speichern und kommentieren kann. „Ich schicke ihr doch heute schon ein digitales Foto als reale Postkarte, die in ihrem Briefkasten landet. Warum also nicht einen Film bei der Zugfahrt weitersehen, den man daheim unterbrechen musste? Oder automatisch per Mail einen Termin verschieben lassen, weil man im Stau steckt und die GPS-Berechnung erkennt, dass man sich verspätet?“

Mit Handy und Laptop auf den Spielplatz gehen oder abends im Home-Office eine Präsentation vorbereiten – für viele ist diese Art zu arbeiten schon heute Realität: Durch technische Möglichkeiten wie Cloud-Computing können Mitarbeiter von überall und jederzeit auf Unternehmenswissen zugreifen. Das bedeutet, Rechenkapazitäten, Datenspeicher und Anwendungen werden über das Internet und nicht mehr nur auf dem lokalen Rechner zur Verfügung gestellt.  
„Ich nehme mein Adressbuch überall mit hin“ sagt Caroline Seifert. Heute ist es im Handy, morgen auf dem Pad am Kühlschrank oder auf dem Sofa. Wer seine EC-Karte vergessen hat, kann dann im Supermarkt mobil bezahlen. Alles was Internetzugang hat, könne man für Kommunikation nutzen. Der Ort und der Moment der Nutzung seien entscheidend für das Design der Zukunft. Dabei schreiten die Miniaturisierung und besonders die Personalisierung der Geräte weiter voran. „Jeder soll seine individuellen Dienste auswählen können.“

Hat denn die Chefdesignerin in ihrem total vernetzten Berufsleben auch privat immer das aktuellste Gadget, die neueste technische Spielerei? „Nein“, heißt es lapidar. Auch Bücher liest Caroline Seifert gedruckt und nicht digital.

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