Tapeten für Pop-Queen
Madonna und die Scheichs

125 Jahre Fausel, Biskamp
Als kleiner Junge ist er im glänzend-schwarzen Treppenhaus und in einem Wohnzimmer mit blattgoldener Decke, dazu braunem, Goldlurex durchwirktem Teppich aufgewachsen. „Unser Vater war eigenwillig und ausgesprochen progressiv, wenn es um Einrichtung und um Maßgeschneidertes für die Wand ging“, erinnert sich Marc Neise.

Von Dagmar Haas-Pilwat

Aber offenbar hatten die väterlichen Extravaganzen keine abschreckende Wirkung, denn erfolgreich führt der 48-Jährige in der dritten Generation das Unternehmen „Fausel, Biskamp“, eine der ersten Adressen für Wohnkultur in Deutschland mit Kunden weltweit.

Und natürlich kennt Marc Neise die Trends von heute: Es ist Schluss mit weißem Allerlei. Metallisch-Irisierendes, Kupfer und Gold feiern ein glänzendes Comeback. Wertvolle Tapeten mit großflächiger Ornamentik in warmen Kupfer- und Goldnuancen, veredelt mit Matt-Metallic-Kontrasten und Patina-Optik, setzen schimmernde Akzente und vermitteln einen Hauch von zeitloser Eleganz.

Je nach Lichteinfall sorgen die angesagten Farbtöne für warme Reflexe oder strahlen Ruhe und Gelassenheit aus. Neben großflächig floralen Mustern behaupten sich als Gegentrend Papierstrukturen und feine Hanfgewebe, sagt der Düsseldorfer Experte. Weltweit steht sein Name mit originellen Tapetendesigns in Verbindung. Davon konnte vor 125 Jahren als Carl Fausel und Friedrich Biskamp die Rheinische Tapetenmanufaktur im Stammhaus am Schadowplatz gründeten, noch nicht die Rede sein. Doch ungeachtet aller Wirtschaftskrisen und Kriegswirren behaupteten sie sich mit einer klaren visionären Ausrichtung und hatten dabei stets den aktuellen Zeitgeist rund ums Wohnen im Blick.

1951 wagte dann der neue Chef, Hans Neise, den Schritt über die Landesgrenzen. Gegen den Trend traute er sich und  europäisierte vom Rhein aus das Unternehmen: Als Erster importierte er Tapeten aus Italien, England und Frankreich. Was der Vater anfing, setzte Sohn Hans-Joachim Neise in den 70-iger Jahren mit Esprit und Leidenschaft für Wandschmuck fort. Bis heute gilt er als der deutsche Pionier der Tapete. Mit ihm zogen Gras- und Seiden-Tapete in deutsche Wohnzimmer ein, und aus den USA brachte er die erste metallische mit. „Anfangs schüttelten alle den Kopf, doch später wurde unser Vater zu einer Art Guru der Wandgestaltung“, weiß Marc Neise. Während Fausel-Biskamp einen ungeahnten Aufschwung erlebte, rannte der kleine Junior unbeschwert durch meterlange Regale fünf Meter hoch voll mit Tapeten.

Filialen in Essen, Krefeld, Frankfurt und Hamburg eröffneten, Verkaufsbüros ließen sich in Stuttgart und Wien nieder. Viele bedeutende, internationale Marken haben ihren europäischen Marktzugang den Neises zu verdanken. Die Familie brachte Marken wie Salubra, van Luit, Cole,  Anya Larkin, Zuber und Farrow & Ball nach Deutschland.
Obgleich in den achtziger Jahren mit Macht die weiße Welle rollte und das Interesse an Tapete von der Raufaser verdrängt wurde, ging mit Nicole Neise (sie hat Interior-Design an der Parsons School in New York studiert)  und Bruder Marc die dritte Generation an Bord. Und zwar bereits im neuen Haus an der Kasernenstraße. Der Generationenwechsel gelang, das Credo lautete: Accessoires machen das Wohnen schöner, wobei Tapeten die kreativen Spielwiesen blieben. Sie handeln nicht nur international (vor allem USA, Großbritannien und den Niederlanden) mit luxuriösen Tapeten, edlen Handarbeiten in Seide, Metall, Gras und Textilgeweben. Sie stöbern auch in Archiven und graben alte Schätzchen aus. Vor allem jedoch entwickelt Marc Neise exklusiv eigene Produkte - ausdrucksstark, überaus sinnlich.

Denn Ende der neunziger Jahre erkannte der heutige Geschäftsführer, dass die Tapete ein Revival auf internationaler Ebene und auch in Deutschland erfahren könnte. Neise wusste, dass es an der Zeit war, erstmals in der Geschichte des Einrichtungshauses ein eigenes Design zu entwickeln. Sein Vater hinterließ ihm schließlich einen unglaublichen Schatz bestehend aus weltweit ansässigen Manufakturen, Herstellern und Kreativen. Er begann, das vorhandene Know-how und die Basis mit neuen Einflüssen zu kombinieren und vermarktet von nun an weltweit unter dem  „fausel, biskamp private label“  seine Tapeten. Inzwischen sind es bereits rund 1800 Artikel von 30 Euro bis zu mehren Tausend Euro pro laufender Meter.

Heute kauft Marc Neise zum Beispiel in den USA die Grundware, welche in Asien beschichtet und in Berlin veredelt wird. Oder sein Design wird in Italien gewebt und in Deutschland veredelt.
Der Erfolg gibt dem Vater von drei Kindern Recht, der dekorative Wandschmuck ist wieder da – vor allem bei jüngeren Leuten, weil Wohlfühl-Wohnen wieder in den Vordergrund rückt. Tapeten gehören zum guten Geschmack - allerdings in kleinsten Formaten wohlüberlegt und wohldosiert eingesetzt. Am besten nur eine Zimmerwand tapezieren, sonst erschlägt einen das Dessin, empfiehlt der Wohnberater. Ausnahme: Miniräume wie Gästetoilette dürfen komplett bemustert werden. Doch andere Länder andere Sitten: Während in Deutschland durchschnittlich nur 18 Meter Tapete bestellt werden, leisten sich die Engländer 85 Meter, 120 Meter sogar in den USA, wo Neises Kreationen ihren größten Absatzmarkt haben.

Gemeinsam mit zehn Mitarbeitern nimmt Marc Neise von der innenarchitektonischen Konzeption und Planung bis hin zu individuellen Detaillösungen alle Herausforderungen moderner Raum- und Wohnwünsche an. Das Repertoire an Möbeln, Stoffen, Mustern, Tapeten, Teppichen und Accessoires verbindet Welten über eine ganz bestimmte ikonische Handschrift. Neises Art der „Stil-Assemblage“ ist unverwechselbar, edel und kreativ.

In seinem Portfolio findet man Tapeten aus Blattgold, Seide oder mit Glasperlen beschichtet in vielen Mustern und mehrdimensionalen, haptischen Oberflächen, Stoffe von Hermès, Teppiche von Jan Kath, Möbel von vielen internationalen Designern – und natürlich von ihm selbst. Seine kreative Feinfühligkeit und seine Kenntnis der Möglichkeiten, mit der er für die Auftraggeber den idealen Stil zusammenstellt, beweisen nicht nur seine gewonnenen Auszeichnungen, sondern auch die zahlreichen Kunden, zu denen unter anderem Madonna gehört. Für die Pop-Queen hat er eine Tapete gestaltet, die ihr Appartement in New York schmückt. In der aserbaidschanischen Botschaft in Baku finden sich seine Tapetenentwicklungen und in seiner Heimatstadt Düsseldorf hat er der Inhaberfamilie des Breidenbacher Hofs aus Kuwait die private Suite eingerichtet. In der Bibel des Designs, Andrew Martin Design Review 2013, ist Fausel,Biskamp als einer von zwei deutschen Einrichtern mit vier Seiten vertreten – gemeinsam mit seinem Berufskollegen Stephan Menn (Architekt).

Nebenbei entscheidet sich der kreative Unternehmer, die Tapetenhistorie des Unternehmens auszugliedern und verlagert die Exemplare auf sein Privatgrundstück. Er reichert die Sammlung immer weiter an - letzter Kauf war der Entwurf einer Velours Tapete von Schinkel, der Chef Architekt des preußischen Königs. Das kleine Museum von Marc Neise umfasst inzwischen 14 000 sehenswerte Exemplare.

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