Energiewende von unten

Geschäftsführer Burkhard Drescher beschreibt im Interview das Prinzip der „Innovation City Ruhr“ in Bottrop. Alles richtet sich „nach dem Portemonnaie“ der 70.000 beteiligten Einwohner

Eine der bedeutendsten NRW-Investitionen nach 1945 wurde während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister von Oberhausen vollendet – das Einkaufszentrum CentrO auf dem Gelände der einstigen Hüttenwerke Oberhausen. Seither gilt Burkhard Drescher als geschickter, durchsetzungsfähiger „Macher“. Seit zwei Jahren setzt er nun seine Fähigkeiten ein als Geschäftsführer der Innovation City Management GmbH in Bottrop. Die Gesellschaft wurde vom Initiativkreis Ruhr gegründet, dem Zusammenschluss von 70 führenden Unternehmen in der Region.

Dieser Kreis hatte die Innovation City 2010 zum Leitprojekt der kommenden Jahre bestimmt und Bottrop nach einem Wettbewerb der großen Ruhr-Städte ausgewählt. Dahinter steht ein beispiellos ehrgeiziges Ziel. Die „InnovationCity Ruhr“ soll bis 2020 die Kohlendioxidemissionen der rund 70 000 Einwohner und 14.500 Gebäude in der Bottroper Stadtmitte halbieren. „Das kann nur gelingen, wenn wir erstmals eine Energiewende von unten schaffen“, sagt Burkhard Drescher. Während Bundes- und Landespolitiker noch um gesetzliche Rahmenbedingungen fürs große Ganze ringen, arbeiten die Bottroper darauf hin, dass beim Laborversuch in ihrem Mikrokosmos schon in den kommenden Jahren der Durchbruch gelingt. Dreschers Management Gesellschaft moderiert und koordiniert das Verfahren.

Q3: Die Energiewende ist beim Hauseigentümer, beim Mieter, beim Stromverbraucher bisher als Folge von neuen Regulierungen und Kostensteigerungen, Belastungen also „von oben“, angekommen. Worauf stützt sich Ihre Zuversicht, dass Bottrop die „Wende von unten“ schafft?
Burkhard Drescher: Auf eine eindeutige Analyse, auf erste gute Erfahrungen und auf eine Planung, die es in dieser Gründlichkeit noch nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

Dann bitte zuerst zur Analyse.
Drescher:  Es steht fest, dass Gebäude bundesweit den größten Anteil unseres CO2-Ausstoßes verursachen, nämlich 37 Prozent. Nur, wenn wir diese Quelle verschließen, kann eine Energiewende funktionieren. Neubau allein löst das Problem aber nicht: Einem Gebäudebestand mit 3.400 Millionen Quadratmetern Fläche stehen 20,3 Millionen Quadratmeter Neubaufläche gegenüber. Bei dem Tempo ist die Wende in 100 Jahren noch nicht geschafft. Wir in Bottrop werden zeigen, wie die Energiewende von Haus zu Haus organisiert und auch finanziert werden kann, ein völlig neuer Ansatz: Wir gehen von der Geldbörse des einzelnen Eigentümers und von der vorhandenen Substanz seines Gebäudes aus. Die ersten Ergebnisse geben uns Recht. Wir sind sogar schneller, als ursprünglich erhofft.

... womit wir bei den Erfahrungen wären?
Drescher: Genau. Wir sind hier seit knapp drei Jahren als Berater, Moderatoren und Koordinatoren unterwegs. Bottrop hat in dieser Zeit eine Sanierungsquote von über fünf Prozent erreicht, das entspräche im Vergleich umgerechnet auf zehn Jahre Bundesweit einem Anteil von zehn Prozent. Hier wird nicht um Ideologien gestritten, hier wird gehandelt. In unserem zentralen Beratungsbüro haben seit 2011 mehr als 1300 Einzelberatungsgespräche mit Bottroper Bürgern stattgefunden. Es gab über 9000 Hausbesuche, 370 thermographische Klimaanalysen an Gebäuden, insgesamt mehr als 5000 Bürgerkontakte. Inzwischen hat ein Modellversuch begonnen, in dem bis 2014 insgesamt 100 dezentrale  Kraftwärmekopplungs-Anlagen mit Erdgasbetrieb in Bottroper Wohngebieten errichtet werden – der größte Versuch dieser Art in Deutschland. Wir arbeiten an insgesamt 125 Einzelprojekten dieser oder ähnlicher Form. Und über den Masterplan, an dem die Stadtgemeinschaft seit 2011 mitberät und den der Rat voraussichtlich im Frühjahr 2014 verabschieden kann, kommen noch einmal 200 weitere konkrete Schritte hinzu. Das reicht vom Ausbau der Fernwärme und dem Einbau von Wärmepumpen in den Wohngebieten über neue Nutzung von Prozesswärme, Sonnenenergie und Blockheizkraftwerke im Arbeitsbereich bis zu Carsharing und E-Busse beim Nahverkehr und zur smarten Steuerung aller elektrischen Systeme in den Haushalten und einem vernetzten Energiemanagement im Quartier. Dazu kommen Großprojekte wie der Umbau der Großkläranlage: Derzeit verbraucht die noch so viel Strom wie ein ganzer Stadtteil. Wenn die Emschergenossenschaft dort alle bereits geplanten Klima-Maßnahmen umgesetzt hat, wird die Anlage nicht nur ihren eigenen Energieverbrauch decken, sondern noch Strom ins allgemeine Netz einspeisen.

... gewaltige Pläne also. Was genau wird der Masterplan regeln, den Bottrop beim Büro Albert Speer & Partner in Frankfurt in Auftrag gegeben hat?
Drescher: Dahinter steht wiederum ein moderierter Prozess, keine Planung vom grünen Tisch. Die Entwurfsphase im ersten Halbjahr 2013 wurde von den Bürgern bei Versammlungen und übers Internet begleitet, darauf folgte im zweiten Halbjahr eine Innovationsphase. Alle Ergebnisse werden nun bis Februar 2014 in dem Masterplan zusammengetragen. Auf mehr als tausend Seiten finden sich dort alle Schritte zur energetischen Erneuerung unserer Stadtquartiere. Ein daraus abgeleitetes Innovationshandbuch soll als übertragbare Blaupause dienen, übertragbar auf jede andere Stadt, die eine eigene Energiewende von unten versuchen will. So etwas gibt es weltweit nirgendwo anders.

Das heißt, Speers Bottroper Masterplan unterscheidet sich deutlich von Speers Masterplan für den Umbau der Kölner Innenstadt?
Drescher: Ja, der Unterschied ist fundamental. Kölns City-Handel hat eine im Wesentlichen gestalterische Umplanung bestellt und erhalten, hier bei uns geht es um tief greifende neue Strukturen. Bürger und Wirtschaft, Stadtverwaltung, Politik und Planer schaffen gemeinsam eine Art genetischen Fingerabdruck dieser Stadt: Danach kann jeder Schritt der Veränderung auf eine gesicherte Datenbasis zurück greifen. Und das Verfahren der Veränderung ist überall übertragbar.

Was sind die allernächsten Schritte zu Ihrer „Energiewende von unten“?
Drescher: Ein großer Schritt wird die Fertigstellung der Hochschule RuhrWest. Deren Wissenschaftler und Studenten begleiten die meisten Projekte rund ums Bauen und die Integration intelligenter Energiesysteme bereits. Und sie haben dafür gesorgt, dass der Neubau ihrer Hochschule selbst zum Labor der InnovationCity Ruhr wird: Mit Unterstützung vieler Unternehmen wurde das Gebäude mit allen denkbaren Systemen zur Energieeinsparung ausgerüstet. Jetzt kann die Forschung unter den besten denkbaren Bedingungen weitergehen. Bis zum Frühjahr 2014 sind auch alle drei „Zukunftshäuser plus“ fertig: Das Einfamilienhaus, das Mehrfamilienhaus und das City-Geschäftshaus wurden so umgerüstet, dass dort mehr Energie erzeugt wird, als die Häuser selbst verbrauchen. Dutzende Unternehmen aus unserem Netzwerk haben daran mitgewirkt. Das Projekt ist einzigartig in Deutschland. Der dritte große Schritt wird 2014 der Beschluss über den Masterplan.

Bert Brecht spottete einmal: „Da mach nur einen Plan. Und sei ein großes Licht. Dann machste einen andren Plan, geh’n tun se beide nicht“. Hätte er das in Bottrop noch einmal geschrieben?
Drescher: Kaum. Denn dieser Plan ist nicht das Produkt eines Einzelnen. Hier sind alle wesentlichen Player Partner im Veränderungsprozess. Beispielsweise aus der Wirtschaft Accenture, A.T. Kearney und Agiplan, Bayer Material Science, Bosch und BP, E.ON und RWE, Gelsenwasser, Evonik, RAG Montan Immobilien, die Wohnungsunternehmen Deutsche Annington und Vivawest, Steag Fernwärme, Vaillant, Viessmann, Wilo und noch mehr. Einschließlich des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie und der Fraunhofer-Institute sind sämtliche Hochschulen des Ruhrgebiets beteiligt in unserem Wissenschaftlichen Beirat, und die zuständigen Ministerien des Landes haben für InnovationCity eine eigene Interministerielle Arbeitsgruppe gebildet. Und unsere Managementgesellschaft ist inzwischen ebenfalls breiter aufgestellt: 61 Prozent hält nach wie vor der Initiativkreis Ruhr, weitere Gesellschafter sind die Stadt Bottrop, die BETREM Emscherbrennstoffe GmbH und seit Kurzem die RAG Montan Immobilien GmbH sowie das Beratungsunternehmen Agiplan.

Das Interview führte Peter Lamprecht

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