Die innere Form
nach Außen tragen

Ein traditioneller Baustoff beweist seine Vorzüge: Mit seiner für das Münsterland typischen Backsteinfassade integriert sich das preisgekrönte Einfamilienhaus mühelos in ein gewachsenes Wohnviertel mit hoher Energie-Effizienz. Dabei beeindruckt es mit hoher Wohnqualität und großer architektonischer Eigenständigkeit.

Das für eine Familie mit zwei Kindern erbaute Gebäude befindet sich im Geistviertel, gelegen im Süden von Münster. Die Verwendung des traditionellen Baustoffs Backstein schafft formalen Bezug zu den unmittelbaren Nachbargebäuden. „Backstein hat unmittelbar mit dem Ort, dieser Stadt und dieser Region zu tun“, so Architekt Christian Pohl. „Es ist große Architektur, auch namenlose große Architektur mit ihm entstanden – und es entstehen immer neue Ideen mit Backstein, einfach neue Ideen, wie man etwas zusammenbringt.“ Hier wurde beispielsweise auch der Klimaschutz mit einbezogen.

Von gestalterischem Potenzial zeugt die Konzeptidee des Baukörpers. Dessen klare Geometrie verleiht dem Haus eine eigenständige, monolithische Präsenz, durch die es sich selbstbewusst – jedoch mit angemessener Zurückhaltung – von den bestehenden Siedlungshäusern des Viertels differenziert. Vielmehr steht das Gebäude im engen Dialog mit dem ihm umgebenen Grünraum. Das bislang als Obst- und Gemüsegarten genutzte Grundstück grenzt an ein Naturschutzgebiet und ist in das Gesamtkonzept integriert. Der Obstbaumbestand am südlichen Rand des Gartens bildet die Baumkulisse der Grundstücksgrenze. Die große Hainbuche wurde mit dem Haus und dem Terrassenbereich „umbaut“ – sie spendet Schatten und Sichtschutz und ist der „Anker“ der jetzt das Grundstück abgrenzenden Hainbuchenhecke.

„Raum, Lebensort, Zuhause. Dieses Haus soll ganz einfach den Bewohnern gerecht werden”, fasst Architekt Pohl die Zielsetzung zusammen. So trägt das Haus seine inneren Funktionen nach außen – die Nord- und Straßenseite zeigt den überdeckten Eingangsbereich, den Galerieflur und die „gelochten“ Nebenräume, die Süd- und Gartenseite öffnet die Wohn- und Schlafräume zum Garten und zum angrenzenden Naturschutzgebiet.

Das Innere ist im Erdgeschoss mit fließenden Räumen organisiert – der Endpunkt der Raumfolge ist der Blick vom Wohnzimmer in die Tiefe des Gartens. Im Obergeschoss umschließen die vorhandenen Räume einen Galerieflur, der dem Spielen, dem kreativen Arbeiten der Familie und der Ausstellung von künstlerischen Arbeiten dient.
Ein wesentlicher Aspekt des Entwurfes war – über das Wohnen hinaus – die Schaffung von gut proportionierten, tageslichtbeleuchteten Räumen und Wandflächen, die der im Haus wohnenden Künstlerin die Möglichkeit geben, ihre Arbeiten in ihrem direkten Lebensumfeld zu präsentieren.

Einschnitte formulieren den überdachten Eingangsbereich, den Treppenraum, die Dachterrasse im Obergeschoss oder die Öffnung des Wohnzimmers zum Garten. Gestalterische Elemente des „bürgerlichen Wohnens“ der umliegenden – in den 1930er und den 1960er Jahren entsandenen – Siedlungshäuser sind in die Gegenwart übersetzt worden: die Terrasse mit Außentreppe, die Sitz- und Blumenbank im Wohnzimmer, die Dachterrasse, die bodentiefen, zweiflügeligen Fenster sowie die „Laube“ unter der Hainbuche.

Energetische Gesichtspunkte  spielten ebenfalls eine zentrale Rolle bei der Planung des Hauses. Aus Budgetgründen wurde zunächst der Niedrigenergiehaus-Standard nach ENEV realisiert und auf Investitionen zur Erreichung des Passivhaus-Standards verzichtet. Eine vorausschauende Entscheidung, denn hinsichtlich der gewünschten Bauqualität wollten Bauherrin und Architekten keine Kompromisse zugunsten der maximalen technischen Ausstattung eingehen. Statt dessen setzten sie auf eine massive Bausubstanz mit bestmöglicher Wärmedämmung. Auf diese Weise wurden die optimalen Voraussetzungen für die nachträgliche Realisierung eines höheren Energiestandards geschaffen.
„In allen Räumen sind die notwendigen Installationsmöglichkeiten bereits vorhanden. Sämtliche Kabel und Leitungen liegen unter der Sohle und sind quasi einsatzbereit. Es fehlt nur noch die Lüftungsanlage plus die Solaranlage auf dem Flachdach”, fasst Christian Pohl die Möglichkeiten der technischen Nachrüstung zusammen.

Das durchdachte Gesamtkonzept des Wohnhauses überzeugte auch die Jury des Fritz-Höger-Preises 2011 für Backstein-Architektur, bei dem das Münsteraner Architekturbüro hehnpohl Architektur den 3.Platz unter den mehr als 340 Wettbewerbs-Einsendungen erzielte und den Sieg in der Kategorie „Einfamilienhaus, Doppelhaushälfte“ für sich entschied.

PROJEKTDATEN
Ort: Münster/Westfalen
Architektur: Christian Pohl und Marc Hehn, hehnpohl architektur, Münster
Wohnfläche: ca. 152 m2
Fassade: fußsortierter Backstein mit direkt verfugtem Mörtel, Holzfenster
Dach: Flachdach, extensiv begrünt
Wände: Kalkzementputz, mineralischer Anstrich
Decken: glatt gespachtelt, mineralischer Anstrich
Böden: massive Eichendielen geölt, Basaltlava unbehandelt
Raumhöhe: 2,70 - 2,90 m
Planungsbeginn: 2006
Fertigstellung: 2007
Auszeichnung: 3. Platz Gesamtsieger beim Fritz-Höger-Preis 2011 für Backstein-Architektur
sowie Sieger in der Kategorie „Einfamilienhaus, Doppelhaushälfte“

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